Finkenbach Festival 2026: Krautrock, Jamkraut und ein menschliches Myzel

Festivals funktionieren nie ohne freiwillige Helfer. Aber der Einsatz eines guten Teils der Bevölkerung, und das schon über Jahrzehnte, ist in Finkenbach außergewöhnlich. Der Chef des örtlichen Fensterbauunternehmens steht am Grill, die roten „Team“-T-Shirts sind allgegenwärtig, am Kuchenstand verkaufen junge Mädchen die von ihren Müttern und Großmüttern – diese natürlich ebenfalls vor Ort – gebackenen Kuchen. Vielleicht haben sie sogar selbst mitgebacken. Hinter dem Festival steckt kein ortsfremder Veranstalter, stattdessen ist der örtliche Fußballverein Organisator. Und ja, der hat auch einen schönen Rasenplatz. Fakt ist: Ohne dieses menschliche Myzel gäbe es das Finkenbach Festival nicht.

Auch musikalisch bewährten sich die über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerke. Epitaph eröffneten kurzfristig das Festival als Ersatz für die Sula Bassana Band, die wegen einer Erkrankung absagen musste. Die gestandene Band, seit Anfang der 1970er Jahre auf der Bühne, war natürlich kein schnöder Ersatz. Epitaph rockten das Festival im Odenwald schon häufiger und lieferten einen überzeugenden Auftakt, der von Beginn an reichlich Zuhörer vor die Bühne lockte.

Das machte Lust auf mehr, und mit Guru Guru gingen die Veranstalter gleich in die Vollen. Die Band um Schlagzeuger Mani Neumeier hat Finkenbach in den 1970er Jahren praktisch erfunden und das Festival über Jahrzehnte mit aufgebaut und kuratiert. In die beginnende Nacht hinein spielte die Kultband zahlreiche Klassiker. Natürlich „Living in the Woods“, mit Neumeier vorne auf der Bühne an der großen Standtrommel – fast schon ein Ritual. Bassist Peter Kühmstedt wurde zur „Rock’n’Roll Machine“, Roland Schaeffer verzückte die Zuhörermenge mit seiner Nadaswaram und dem Titel „Izmiz“.

Und natürlich fehlte als Zugabe nicht der „Elektrolurch“. Der Klassiker gehört seit Jahrzehnten zum Repertoire der Band, und wohl nur eine Minderheit der Zuhörer konnte den Text des Lüsterklemmenbewohners nicht mitsingen: „Volt, Watt, Ampere, Ohm – ohne mich gibt’s keinen Strom.“ Gute Nachricht für die Fans der Band: Zum 50-jährigen Jubiläum des Festivals im kommenden Jahr sind Guru Guru wieder mit dabei.

Der erste Abend beim Finkenbach Festival wurde damit auch zu einer kleinen Zeitreise. Epitaph und Guru Guru repräsentieren unmittelbar die deutsche Rock- und Krautrockgeschichte. Mit Pristine ging es anschließend in eine jüngere, stark von den 60er und 70er Jahren beeinflusste Spielart des Hard- und Bluesrock. Die norwegische Band um Sängerin Heidi Solheim verbindet mächtige Gitarrenriffs mit Blues, Soul und psychedelischen Elementen – eine selbstbewusste Fortschreibung der alten Rocktraditionen.

My Sleeping Karma führten anschließend tief in den instrumentalen Psychedelic- und Stoner-Rock. Mit hypnotischen Wiederholungen, schweren Gitarren und langsam aufgebauten Spannungsbögen verschob sich die Musik weit in die Nacht hinein noch einmal in eine andere Richtung. So lagen zwischen Epitaph und My Sleeping Karma mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte, ohne dass daraus ein musealer Rückblick wurde.

Am Samstagnachmittag ging es mit den Mars Mushrooms weiter. Die Band beschreibt ihre Musik selbst als „Jamkraut“ (und veranstaltet dazu in Wolfram-Eschenbach ein jährliches Festival). Das trifft die Sache ziemlich gut: lange, improvisatorisch angelegte Stücke, Jamrock, Psychedelic und Krautrock. Das erinnert positiv an Phish und natürlich auch an Grateful Dead – und von denen war mit „Franklin’s Tower“ auch ein Titel im Programm. Ein undankbarer erster Slot in brütender Hitze am Nachmittag, aber wer zuhörte, war glücklich.

Mit Spiral Drive änderte sich anschließend die Klangfarbe. Das Projekt um Raphaël Neikes verbindet psychedelischen Rock mit Indie, Alternative und Psych-Pop, lässt es zwischendurch aber auch deutlich härter krachen.

Die Rockgeschichte war danach aber wieder sehr präsent. Miller Anderson stand bereits 1969 beim Woodstock-Festival auf der Bühne, damals mit der Keef Hartley Band. 57 Jahre später spielte der schottische Gitarrist und Sänger mit seiner eigenen Band in Finkenbach. Das hätte genügend Stoff für einen nostalgischen Auftritt geboten. Nötig war der Rückblick allerdings nicht. Anderson und seine Mitmusiker setzten auf geradlinigen Bluesrock, mit Janni Schmidt am Bass, Frank Tischer an den Keyboards, Tommy Fischer am Schlagzeug und Klaus Marquardt an der Violine.

Um 21 Uhr folgte mit Kraan eine Band, deren Verbindung mit Finkenbach höchstens noch mit der von Guru Guru vergleichbar ist. Hellmut Hattler, Peter Wolbrandt und Jan Fride gehören seit Jahrzehnten zu den regelmäßigen Gästen des Festivals. Ihr prägnanter Mix aus Jazzrock, Fusion, Rock und Improvisation wirkt nach wie vor taufrisch: virtuos, mitreißend bis hypnotisch.

Danach die Leif de Leeuw Band. Southern Rock, ausgedehnte Instrumentalpassagen und die beiden Gitarren von Leif de Leeuw und Sem Jansen rücken die Musik durchaus in die Nähe der Allman Brothers Band. Die Band kam so gut an, dass das nächste Treffen bereits feststeht: Beim 50-jährigen Jubiläum 2027 wird auch die Leif de Leeuw Band wieder dabei sein.

Als die Uhr längst den Sonntag erreicht hatte, gehörte die Bühne schließlich wieder Alex Auer y Banda. Verflixt, auch in diesem Jahr zu spät für den Autor, aber die hartnäckigen Fans waren wieder begeistert, so hört man.

Fotos: Frank Schindelbeck Fotografie

| Finkenbach Festival Website (nächstes Festival: 6./7. August 2027)

metropolkultur logo

Schreibe einen Kommentar